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Herbstdämmerung

15. November 2007

Im Wendekreis von Wiederkehr und Tod
zieht sie vorbei, und fällt aus den Gesichtern;
Septembersonne, tropft aus Wattetrichtern,
und tupft ins Grau ein letztes Abendrot.

Noch weilt der Kranichtrupp im Flugverbot;
und Damwild röhrt im Schein von Autolichtern;
vor Igel und den andern Laubaufschichtern
versteckt der Häher sein Kastanienbrot.

Das Leben mausert sich; wird Ruhe suchen,
mit Speck im Mantel unter Tage flüchten,
und spürt, es findet seinen Weg zurück.

Es riecht nach Moos und windgegerbten Buchen,
am Waldesrand spaziert jemand ein Stück
und träumt von Glühwein zu kandierten Früchten.

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Zuletzt

1. September 2007

Vielleicht bleibt nichts von uns zurück. Es scheint
als seien Fundamente weg gebrochen
und Worte unter falschem Stolz gesprochen,
wie Wut, die Gleichmut schreit und Sehnsucht meint.

Und es ist wahr, ich habe Angst. Die Spur
führt immer noch zu dir; und Bilder wischen
sich in den Staub; und Liebeslieder zwischen
gepackten Koffern; und dein Blick im Flur.

Die Tage spiegeln sich, im Neonlicht
pulsiert die Zeit – dann bricht sie im Durchschauen,
kippt jene Sicht und hinter müden Brauen
steigt etwas auf, das schon von Morgen spricht.

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Sommer in der Stadt

29. April 2007

Er sitzt nicht da, er kauert auf den Steinen,
das Bier in seiner heimatlosen Hand.
Und eingewickelt in zerfetztes Leinen,
träumt er von Glück und etwas Dosenpfand.

Sie bummelt, schaut verträumt in Fensterläden,
die Sonne brennt und zeichnet sie ins Glas;
auf einem blauen Auge schimmern Fäden,
dann rennt sie heim, weil sie die Zeit vergaß.

Zwei Kinder in den flirrend hohlen Gassen,
im Dunst von Abfall und zu heißem Teer
hat man sie Einbahnstraßen überlassen
und ihre Blicke finden sich nicht mehr.

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Am Meer

16. April 2007

Wie sehr sie wünschte, dass es immer bliebe,
was sie zusammen brachte und versprach.
Sie wollte gar nicht viel, nur etwas Glück.

Doch fragst du mich: „Wie war es mit der Liebe?“
So will ich ehrlich sprechen: sie zerbrach,
denn er ging fort und ließ sie hier zurück.

So bleich gezeichnet kauert sie am Strand
auf ihren Schultern klaffen tiefe Wunden
verzweifelt klammert sie sich schon seit Stunden
an die Erinnerung, die sie hier fand.

Gebrochen steht sie auf, geht an den Rand
der See. Nur ihr fühlt sie sich jetzt verbunden.
Sie steigt ins Wasser; dann ist sie verschwunden;
die Brandung spült die Spuren aus dem Sand.

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Kind

7. April 2007

Und dann fiel uns der Himmel in den Rücken,
wie blanker Stahl, aus dem ein Ende sprach.
Die Welt, sie sank von eingestürzten Brücken,
an diesem Morgen, als dein Lachen brach.

Die Sonne schien verfrühter aufzugehen,
der Schulbus kam, – ein letzter Blick von dir -,
du ranntest und ich hab dir nachgesehen,
dann riss die Zeit, wie feuchtes Löschpapier.

Es ist so falsch, dein Ende zu beschreiben;
wer auch in diesem Akt die Feder führt,
er wird mir die Erklärung schuldig bleiben!
Sie sagten uns, du hättest nichts gespürt.

Der tiefe Schnitt verklebt sich unter Nähten,
die Sicht der Dinge ordnet sich mit mir;
in deinem Zimmer Bilder auf Tapeten
und Legosteine fragen still nach dir.

Ich seh dich jetzt und was wir immer waren,
ein Licht, das durch den Ascheregen fällt,
wie ein Verbundensein im Unlösbaren,
den Weg, und deine Hand, die meine hält.

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Manchmal denk ich noch an ihn

6. April 2007

Wir bauten ihn in die Ekstase,
den Kugelmann aus Eis und Schnee.
Mit Kohlenaugen, Möhrennase,
die Hauptfigur der Epopée.

Ich hab noch diesen alten Besen,
der fest an seiner Seite stand.
Als wär es gestern erst gewesen
beschleicht mich, wie er uns verband.

Ein Schiffchen schwimmt durch Entengrütze,
aus deinem Brief, der mich verwies;
und auch ein Kind platscht in der Pfütze,
die unser Freund noch hinterließ.

So lang schon seid ihr zwei verschwunden,
ja, du vielleicht inzwischen tot.
Nur jenen Mann, den einst so kugelrunden,
seh’ ich noch heut’ im Abendrot.

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Der Weg

4. April 2007

Was wir auch finden oder je zu sein
vermögen, zieht sich aus den alten Spuren,
so wie Ballast und Balsam, wo Frakturen
sich neu verfugen wie ein Pflasterstein.

Die Wege winden sich und fällt auch dein
vertrautes Kind zurück, dreht es an Uhren,
beschenkt dich mit Kastanienrandfiguren
und renkt die alten Träume wieder ein.

Was auch passiert, es findet sich ein Lachen,
und was wir sein zu werden wollen, bringt
uns immer wieder still an einen Ort

der mit uns wächst. Nichts kann uns kleiner machen
als dieser Stillstand, der uns starr umringt.
Ich lauf dir zu, darauf hast du mein Wort.