Archive for the ‘Sonette’ Category

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Unlösbar

26. April 2008

Noch bauscht der Himmel sich um uns. Vielleicht
sind wir soweit. Uns bleibt kein Irrweg mehr,
kein Fehler, den wir nicht begangen, der
uns jetzt noch übertrifft. Das Schicksal gleicht

dem Fallwind, der die Äolsharfe streicht.
Vergib mir, was ich ohne dich nicht wär;
nicht ganz, auch nicht Fragment – so ungefähr.
Wir sind verzahnt, in uns vernarbt. Bald weicht

das Zaudern und Gewissheit steigt empor:
Der Regentanz, im Park, der erste Kuss,
der uns so unbedingt zusammenband.

Und sieh: Der Himmel sternt sich überm Fluss.
Er ahnt, dass ich mich selbst mit dir verlor
und zu mir kam, als ich dich wieder fand.

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Hardcore

5. Februar 2008

Sieh her, was ich für dich in Worte kleide,
wie ich mich öffne, anders schaff ich’s nicht.
Denn ich bin Dichter, meine Seele spricht
in zarten Reimen. Lobe, doch vermeide

Kritik, sie drückt mir auf die Eingeweide
und treibt mir gleich die Tränen ins Gesicht.
Ich bin doch, was ich schreibe, mein Gedicht
Identität. Siehst du nicht, wie ich leide?

Hast du was gegen mich? Was soll das heißen,
es sei ausbaufähig? Und was ist Metrik?
Ich schreibe aus dem Bauch, und du kommst her

um, was du nicht verstehst, gleich zu zerreißen.
Dir fehlt der Zugang, du bist miesepetrig,
und voll gemein. Jetzt grüß ich dich nicht mehr!

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Scriptum

15. Dezember 2007

Ich schrei im Halsumdrehen ein Gedicht,
in dem ich Wort um Wort für Wort verschwende,
und jedes Ungefühl darin beende;
doch bleibt es mir Bericht, verinnerlicht,

denn hilflos schweige ich ins Angesicht,
verrate mich, wenn ich mich von ihm wende,
als sei die Gegenwart gleich einer Blende,
in der selbst Urvertrauen jäh zerbricht.

So fall ich doch aus jedem Gleichgewicht,
und schriebe ich mich gänzlich nieder, fände
die Feder keinen Fluchtpunkt dieser Sicht,

denn ich bin Kür im Konterfei der Pflicht,
wo Löschpapier verbaler Flächenbrände
die wahre Liebe nur von fern bespricht.

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Herbstdämmerung

15. November 2007

Im Wendekreis von Wiederkehr und Tod
zieht sie vorbei, und fällt aus den Gesichtern;
Septembersonne, tropft aus Wattetrichtern,
und tupft ins Grau ein letztes Abendrot.

Noch weilt der Kranichtrupp im Flugverbot;
und Damwild röhrt im Schein von Autolichtern;
vor Igel und den andern Laubaufschichtern
versteckt der Häher sein Kastanienbrot.

Das Leben mausert sich; wird Ruhe suchen,
mit Speck im Mantel unter Tage flüchten,
und spürt, es findet seinen Weg zurück.

Es riecht nach Moos und windgegerbten Buchen,
am Waldesrand spaziert jemand ein Stück
und träumt von Glühwein zu kandierten Früchten.

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Am Meer

16. April 2007

Wie sehr sie wünschte, dass es immer bliebe,
was sie zusammen brachte und versprach.
Sie wollte gar nicht viel, nur etwas Glück.

Doch fragst du mich: „Wie war es mit der Liebe?“
So will ich ehrlich sprechen: sie zerbrach,
denn er ging fort und ließ sie hier zurück.

So bleich gezeichnet kauert sie am Strand
auf ihren Schultern klaffen tiefe Wunden
verzweifelt klammert sie sich schon seit Stunden
an die Erinnerung, die sie hier fand.

Gebrochen steht sie auf, geht an den Rand
der See. Nur ihr fühlt sie sich jetzt verbunden.
Sie steigt ins Wasser; dann ist sie verschwunden;
die Brandung spült die Spuren aus dem Sand.

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Der Weg

4. April 2007

Was wir auch finden oder je zu sein
vermögen, zieht sich aus den alten Spuren,
so wie Ballast und Balsam, wo Frakturen
sich neu verfugen wie ein Pflasterstein.

Die Wege winden sich und fällt auch dein
vertrautes Kind zurück, dreht es an Uhren,
beschenkt dich mit Kastanienrandfiguren
und renkt die alten Träume wieder ein.

Was auch passiert, es findet sich ein Lachen,
und was wir sein zu werden wollen, bringt
uns immer wieder still an einen Ort

der mit uns wächst. Nichts kann uns kleiner machen
als dieser Stillstand, der uns starr umringt.
Ich lauf dir zu, darauf hast du mein Wort.

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Letzter Akt

23. Dezember 2006

Wir wollten spielend Welten besser wissen,
so sprachen wir und stellten uns dann quer.
Wir lachten, dachten, kein Theater wär
ein Rückschritt zu den leisen Kompromissen.

Als sie uns schließlich aus den Träumen rissen,
war diese Bühne morsch und menschenleer.
Wir fanden keine neuen Worte mehr
im fahlen Scheinwurf dieser Trostkulissen.

So sehr wir dann auch noch improvisierten,
kein Echo fiel zurück aus den Gesichtern;
sie fanden neue, zeitgemäße Meister.

Und als wir uns am Ende archivierten,
sprach niemand mehr von jenen alten Dichtern;
das Drehbuch schrieben andre große Geister.