Archive for Dezember 2006

h1

Letzter Akt

23. Dezember 2006

Wir wollten spielend Welten besser wissen,
so sprachen wir und stellten uns dann quer.
Wir lachten, dachten, kein Theater wär
ein Rückschritt zu den leisen Kompromissen.

Als sie uns schließlich aus den Träumen rissen,
war diese Bühne morsch und menschenleer.
Wir fanden keine neuen Worte mehr
im fahlen Scheinwurf dieser Trostkulissen.

So sehr wir dann auch noch improvisierten,
kein Echo fiel zurück aus den Gesichtern;
sie fanden neue, zeitgemäße Meister.

Und als wir uns am Ende archivierten,
sprach niemand mehr von jenen alten Dichtern;
das Drehbuch schrieben andre große Geister.

Advertisements
h1

Im Park

9. Dezember 2006

Das Eis liegt schon seit Tagen auf dem See,
der Wind faucht von den Schieferdächern,
in dieses Bild, die Enge aufzufächern;
ein kleiner Junge stapft durch Pulverschnee.

Es schneit, der alte Mann starrt unentwegt
auf einen Punkt, dort zwischen den Gestalten;
wie jeden Mittag will er Ausschau halten,
nach ihr, und ist auch heute aufgeregt.

Um ihn ein Liebespaar mit Schäferhund,
und Kinder, die im Schneegestöber raufen,
Gespräche, Schlittenfahrt und Nasenlaufen;
doch bleibt all das zurück im Hintergrund.

Ihm ist nicht kalt, er fühlt den Winter gern,
weil sich Erinnerung in diesen Tagen
erzählt und warm hält unterm Mantelkragen;
was ihm vergangen war, ist nicht mehr fern.

Und als ein Rest von Laub durchs Blickfeld weht,
da sieht er sie entlang des Weges kommen;
er atmet schwer, erkennt sie nur verschwommen,
und lächelt, während sie vorüber geht.

h1

Herbstschrei

2. Dezember 2006

Sie geht den Weg am Wald entlang. Es bricht
Oktoberlicht durch ihre Schattenlider.
Und von den Bäumen steigt ein Wispern nieder,
das todgeweiht von alten Zeiten spricht.

Es war der Ton, die Art und Weise wie
allenHer log, als seien Worte nur ein Hallen,
um gleich aus jedem Horizont zu fallen;
und mit den wahren Worten fiel auch sie.

Ihr Blick, er senkt sich einen Atemschlag,
sie lächelt fast, auf eine Bruchstückweise;
er war doch früher anders, denkt sie leise
und ballt die Hand, die einst in seiner lag.

Kastanienlaub umwirbelt ihren Geist
und schimmert tausendfach in nackter Bräune.
Der Wind schlägt Haken um die Weidenzäune;
wie gerne wär sie mit ihm fortgereist.

Und als der erste Regen sie umspült,
spürt sie, wie ahnend sich ihr Brustkorb weitet;
dann schreit sie laut, bis sie zu Boden gleitet
und lacht, weil sie sich endlich besser fühlt.

h1

Für die Verlassenen

1. Dezember 2006

Zitternd bohren sich die Klänge
letzter Worte Widerhall,
durch den Angstwall aller Zwänge,
tief in meinen freien Fall.

Greifen will ich diese Leere,
kann ich sie auch noch nicht fassen;
hier im Zentrum dieser Schwere
schaff ich’s nicht, dich loszulassen.

Doch ich geh sie, jene Wege,
die mich durch das Nichts geleiten;
und ich kämpf mich seltsam träge
durch des Raumes Schattenseiten.

Dann, wenn sich der Schmerz erbrochen
– aus dem Innern will ich’s schrei’n
wird mein Name neu gesprochen,
fang ich wieder an zu sein.

Einmal noch in alten Zeiten
möchte ich dich wieder seh’n;
und in Lächeltraumesweiten
lass ich dich für immer geh’n.

h1

Fremde

1. Dezember 2006

Da ist ein Sprung in deinem Lächeln,
der mich unglaublich irritiert.
Und jedes Streicheln meiner Seele
wirkt statisch, automatisiert.

Als wär’ auf unserm Bild, zerbrochen,
ein nicht mehr auswaschbarer Klecks.
All deine Gesten, abgesprochen,
sie treffen mich wie ein Reflex.

Sogar dein Blick scheint wie gemauert,
um die Pupille ohne Glanz.
Als hätt’st du schon am Grab getrauert,
führst du mich nun zum letzten Tanz.

Entfremdet sehe ich erschrocken
nur noch Konturen jener Schatten,
die kalt du hinwirfst, wie die Brocken
der fernen Zukunft, die wir hatten.

Lass mich jetzt los, bevor ich sterbe,
die Un-Gewohnheit bringt mich um.
Und bring ich dich auch um dein Erbe,
schrei ich doch lieber laut als stumm.

Schließ diese Tür und alle Fenster,
wenn du dann gehst, blick nicht zurück.
Nimm sie nur mit, die Nachtgespenster,
sie leiten dich ein letztes Stück.

h1

Auszeit

1. Dezember 2006

Das Dunkel bricht sich über uns
und fällt ins Nichts zurück.
Was bleibt, ist der Moment im Gestern
und die verrückten Möbel.
Wie wir uns in den Schnee gestürzt
und alles schwere ausgelacht.
Was war ist nur und gleich nicht mehr,
ein Umriss der Konturen.
Ich schrei den Weg
ins Gegenlicht –
geblendet seh’ ich besser

h1

Möglichzeiten

1. Dezember 2006

Du musst
im Setzen erster Schritte
nur dein Gefühl begleiten.

Soll doch
der Teufel sich mit Gott
um deiner Seele Erbe streiten,
denn zwischen dir und dem Schafott,
da liegen Himmelhöllenweiten.

So lass
das Tätscheln und die Tritte,
wie ein Extrem zu beiden Seiten,
im Schwerpunkt aller Nichtigkeiten,
verschmelzen – und aus einer Mitte,
erwächst zu neuer Rosenquitte,
Zenit um tausend Möglichzeiten