Archiv für die Kategorie ‘vom Leben’

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Unsagbar

4. Juni 2008

Mit jedem Lidschlag ändert sich die Sicht;
und ganz am Ende bleibt nichts zu verstehen.
Die Dinge, wie sie sind, durchschaun wir nicht,
weil wir sie nur mit eignen Augen sehen.

Und doch, wir suchen nach dem einen Sinn,
der uns bestimmt, und glauben, ihn zu finden.
Solange bricht sich Widerschein darin,
bis wir am selben Gegenlicht erblinden.

Was wirklich wichtig ist, ist schwer zu sagen
und was zu sagen ist, ist wirklich schwer.
Weil Worte unser Innerstes nicht tragen
und kleiner machen, spricht sie irgendwer.

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An manchen Abenden

22. November 2007

Es dunkelt schon, der Mond wacht königlich
und grinst. Dir fallen gleich die Augen zu,
du gähnst, ich streich die Decke glatt für dich;
das muss ich immer tun, dann lächelst du.

Dein müdes Sein will mit den Träumen zieh’n;
ein letztes Halten noch und angesichts
der Stille sucht dein Blick mich kurz, bis ihn
ein Wimpernschlag hinüber trägt ins Nichts.

Ich mal mir aus wie bunt du es erhellst,
mit Unschuld Welten neu verfugen magst,
dir all die Wunder schaffst, in die du fällst
und so bedingungslos zu glauben wagst.

Dann seh’ ich mich in dir, dasselbe Kind,
das irgendwo in meinen Mauern wohnt.
Es pocht. Ich schrecke hoch. Novemberwind
schlägt an dein Fenster. Oben lacht der Mond.

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Sommer in der Stadt

29. April 2007

Er sitzt nicht da, er kauert auf den Steinen,
das Bier in seiner heimatlosen Hand.
Und eingewickelt in zerfetztes Leinen,
träumt er von Glück und etwas Dosenpfand.

Sie bummelt, schaut verträumt in Fensterläden,
die Sonne brennt und zeichnet sie ins Glas;
auf einem blauen Auge schimmern Fäden,
dann rennt sie heim, weil sie die Zeit vergaß.

Zwei Kinder in den flirrend hohlen Gassen,
im Dunst von Abfall und zu heißem Teer
hat man sie Einbahnstraßen überlassen
und ihre Blicke finden sich nicht mehr.

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Der Weg

4. April 2007

Was wir auch finden oder je zu sein
vermögen, zieht sich aus den alten Spuren,
so wie Ballast und Balsam, wo Frakturen
sich neu verfugen wie ein Pflasterstein.

Die Wege winden sich und fällt auch dein
vertrautes Kind zurück, dreht es an Uhren,
beschenkt dich mit Kastanienrandfiguren
und renkt die alten Träume wieder ein.

Was auch passiert, es findet sich ein Lachen,
und was wir sein zu werden wollen, bringt
uns immer wieder still an einen Ort

der mit uns wächst. Nichts kann uns kleiner machen
als dieser Stillstand, der uns starr umringt.
Ich lauf dir zu, darauf hast du mein Wort.

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Unmittelbar

1. April 2007

Man fühlt
in allzu
ausgelatschten Schuhen
nur noch
die großen Steine.

Und bald,
im ruhelosen
Vorwärtstreiben,
verweigert sich
auch der Moment.

Es blieb
so viel zurück,
als ich den Weg
zur Strecke brachte.

Nun teile ich
die Zeit nicht mehr
durch Tag und Nacht,
und meinen Raum
nicht mehr
in Nah und Fern.

Was mich erwartet
weiß ich kaum.
Doch lieber schmecke ich
die Trauben
mit den Kernen.

Ich will
all meine Fehler
richtig machen;
und mein Spüren
neu erlernen.

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Unreifeprüfung

30. März 2007

Da ist ein Punkt
im Werdegang
der aufgesetzten Zeit.
Ein Strich
durch alles Wesentliche;
das so erwachsen, starr
in die Vernunft gezüchtet,
dich rastlos
vorwärts drängt.

Und etwas
weiter unten,
da steht er fest, und tief
in dir verwurzelt;
der unvernünftige Moment,
der dich zu kitzeln liebt,
und dir
ein Milchzahnlächeln schenkt.

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Morgen (Urinstinkt)

30. März 2007

Ich blinzle mich um den Verstand,
umarm mein Bett, das mich versteht,
ein neuer Morgen starrt gespannt
und schlägt zur Faust geballte Hand
in mein Gesicht , dass schmerzverdreht,
mir alles auf den Wecker geht.

Der Uhrknall schleudert mich ans Licht,
mein Traum zerplatzt in schrillem Schrei,
doch – Tag! Du fängst mich heute nicht,
nimm dich alleine in die Pflicht
und mach’s dir selbst, dein Frühstücksei;
der späte Wurm bleibt vogelfrei.

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Der Apfelbaum oder: Wind in den Taschen

18. März 2007

Ich habe noch sein altes Bild
in meiner Hosentasche;
das Bild des Apfelbaums.
Und manchmal spür ich noch
das Rauschen in den Wipfeln,
den Lufthauch, wie ein Flüstern
durch die Zweige,
das von den alten Sagen sprach.

Darunter wir, den Blick
aus Kinderaugen nur nach vorn,
und nur die Welt war unser Ziel.
Nicht, dass wir große Pläne hatten,
doch war da irgendein Gefühl;
wir spürten noch das hohe Gras,
ein Meer aus Blüten, Duft
und Sonne in den Ritzen.

Und zwischen unsern Fingerspitzen
die Früchte, die wir klauten;
den Tag uns zu versüßen.
Die Zukunft zu den blanken Füßen.
Wir kauten Stroh, und sogen Tage,
die Halme auf dem Feld geschnitten
oder einfach abgebrochen.
Das war uns doch genug.
Wir waren Räuber und Piraten.

Das Bild ist fast verblichen,
auch die Erinnerung fällt schwer.
Doch manchmal, durch vergilbte Sterne,
da seh’ ich, fern der Postmoderne,
Momentaufnahmen in der Nacht,
wenn ich die Augen schließe.
Dann ist es so, als sei da mehr.
Ein wohl vertrautes Rascheln, und
der Wind in meinen Taschen.

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Aus dem Grund

16. März 2007

Noch lähmt ein Zögern meine Lippen,
pocht leise mir die Angst im Blut,
um doch in Zuversicht zu kippen,
denn nur aus Zweifel hebt sich Mut.

Nicht jeder Gang nach vorne endet
mit Fortschritt, und was strebt, das fällt;
doch wie ein Blatt im Wind, so wendet
mit jedem Lidschlag sich die Welt.

Ich weiß jetzt um der Fehler Früchte,
was bitter schmeckt, belebt den Geist;
bestärkt mich dann auch, wenn ich flüchte,
weil die Erkenntnis Richtung weist.

Ich hab doch Herz, will Wunder wollen,
durch Höhen fallen, nieder geh’n;
und aus den schönen, wundervollen
Momenten wieder aufersteh’n.

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Beim Griechen

28. Februar 2007

Sie stand wie jeden Freitag an der Bar;
mir war, als lutschte sie an der Limette,
wie eine, die sehr viel zu geben hätte,
und ihr Metaxablick, lasziv und klar,

gebar in mir den Wunsch nach einem Kuss.
Ich saß am Tisch beim (siebten?) Elixiere,
trank aus und fühlte, dass ich existiere;
erhob mich, das zu tun, was Mann tun muss,

wenn Dunst auf den Synapsen kondensiert.
Sie selbst hing schon ein wenig schräg am Tresen,
da traf ich sie gezielt mit ein paar Thesen,
von Anmut, Glanz – das hat sie austariert;

sie war oral fixiert, der Dialog
banal, sie machte Dinge mit der Zunge
als bräuchte sie den Abdruck meiner Lunge,
dann zahlte sie! (gleich für mich mit) und zog

mich heftig Richtung Ausgang, bog dann doch
noch ab auf die Toilette (die der Damen)
und presste mich behände an den Rahmen
der Klotür – dann war da nur noch ein Loch …

Ich schreckte hoch, saß auf der Nebelbank,
war krank vor Selbsthass, Ekel, im Ermessen,
die letzte Nacht im Kopfschmerz zu vergessen -
mich selbst! Wie immer, wenn ich Lethe trank.